3 Räume für musa ensete // 2007
Einführungsrede von Peter V. Brinkemper
Ohne bestimmte Themen, Objekte und Motive wäre die Kunst nicht denkbar. Die Schönheit, der Eros, das Leben und der Tod. Man ziehe einmal in Gedanken diese Aspekte aus der abendländischen Kunst heraus. Was bleibt dann von ihr übrig? Ein paar unbestimmbare Körperfragmente ein bisschen Farben- und Formenspielerei auf der Leinwand? Einige bewegte und unbewegte Bilder, bis auf weiteres hier und da eine verstümmelte Filmszene.
Umgekehrt gibt es aber auch die Vorstellung, dass die Kunst ein reines Gebilde und ein lauteres Medium zu sein hat. Störfaktoren und Irritationen müssen beseitigt werden. Musa ensete war und ist ein solcher Störfaktor. Musa ensete ist ein Individuum. Aber auch eine Gattung. Sie ist eine Bananen-Pflanze, ein üppiges, weit verbreitetes und kultiviertes Geschöpf in den Tropen, oder eine kräftige Staude in einem Topf, die ein unverhältnismäßig karges Leben als Zufalls-Kunst-Pflanze ausgerechnet in dieser ehemaligen Blumenhalle zubrachte. Karg, weil sie so spärlich und unregelmäßig begossen wurde, wie Millionen von ungeliebten Büropflanzen in Finanzämtern, Unternehmen und Registraturen. Als unbeachteter Rest- und Rostposten von Natur. Sie ist von uns gegangen, verschieden, auf einem Komposthaufen im rustikalen Umfeld Bonns. Keiner hat sie vermisst, viele haben aufgeatmet. Endlich, irgendwann war sie weg, die störende Pflanze im Bonner Künstlerforum, die nach ihrer wohlgemeinten Schenkung ans Haus von den Ausstellern immer wieder ratlos hin und her geschoben wurde, weil die Vorstellung, in einem unantastbar leeren Raum auszustellen, einfach zu übermächtig war. Wohin nur mit der Banane, obwohl ihr Signet in Köln die Tür jeder Galerie ziert oder verunstaltet?
Ich sagte, keiner hat musa ensete vermisst. Das stimmt nicht ganz. Man muss schon so ausgefallen denken, arbeiten und ausstellen wie die Künstlergruppe rhein&artig. Bereits in ihrem letzten Projekt »Treibhaus« 2004 hatte musa ensete eine wichtige Rolle als Patientin auf Rädern gespielt. Als sie nun im wechselnden Ausstellungsbetrieb dieses Gebäudes verschwand, fragten sich Manfred Bogner, Jochen Breme, Michael Geffert, Susanne Krell, Angelika Lemb, Andreas Reichel und Eva Wal: »Was macht eigentlich die Banane? Wo ist sie abgeblieben?«
Mögliche Antworten auf diese Frage finden Sie in der heutigen Ausstellung: rhein&artig zeigt die Geschichte der Banane in dokumentarischer und fiktiver Sicht, in ihren imaginären und realen Aspekten. Die Ausstellung des Teams stellt einmal mehr keine isolierten Einzelwerke der Künstler nebeneinander, sondern ist ein integriertes Konzept in unterschiedlichen Gattungen und Medien, das als mehrstufige Raumgestaltung von allen Beteiligten getragen wird und das in einem intensiven Abstimmungsprozess erarbeitet wurde.
Das Foyer bietet eine Art visuelles Tagebuch, eine Dokumentation von dem, was in Wirklichkeit passiert ist. Aber was heißt schon Wirklichkeit bei einer tropisch vor sich hinsprießenden Gattung, die in kühlere zivilisatorische Zonen gefallen ist? Ein großformatige, in 36 Teile zerlegte und abständig gehängte Aufnahme besiegelt den Tod musa ensetes auf einem Komposthaufen im ländlichen Umfeld Bonn. Wir sehen einen großen Torfballen, aus dem lauter Wurzeln hervortreten. Sie künden von der tropischen Kraft und Vitalität dieser Pflanze, die im Zufallssystem eines Kunstausstellungsraums diese ihre Fähigkeit bis auf wenige Ausnahmen nicht zur Geltung bringen konnte. In einer Serie von weiteren Aufnahmen werden die Ableger musa ensetes, quer verstreut über die Balkons und Wohnungen von Bonn vorgestellt. Sind das jeweils individuelle Entitäten, andere Geschöpfe, oder ist musa ensete in ihnen als Kollektiv anwesend oder gar magisch wiedergeboren? Geht es hier etwa um die Renaissance der Banane? Der Trend zur Zimmerpalme scheint gestoppt. Im Zeitalter unterdrückter Kinderwünsche bei heranreifenden deutschen Bürgern muss eine Pflanze her, die eine Frucht tragen kann. Der Bonsai-Garten im Dschungelformat ist in. Und da ist die Banane mehr als willkommen. Die Spannbreite der Orte zwischen Balkon und Wäschküch-Fenster in der Altstadt zeigt an, wie musa ensetes Funktion schwankt. Mitten im städtischen Alltag kann sie oder ihr Besitzer sich nicht recht zwischen Leben und Kunst, zwischen Nutzpflanze und Zierde entscheiden. Ihre Pracht wird gelegentlich frei inszeniert oder allzu büroförmig verstellt, womit wir erneut am Anfang eines Passionsweges der Vernachlässigung und der mangelnden Begießung stünden.
Im Innenhof, ehemals die Intensivstation des »Treibhaus«-Projektes, treibt musa ensete jetzt poetische und fiktive Blüten. Die Banane emanzipiert sich vom lästigen Streit um Leben und Tod, von der Krise um Schönheit und Hässlichkeit, dem Gezänk um Nutz und Zierde im Alltag, und erreicht damit die ihrer heliotropen Krümmung gemäße Würde: Sie wird zu einem intentionalen Gegenstand reiner Kunst. Auf den himmlisch-schneeweißen Balkons an den Wänden stehen grünbraune Bananenpflanzen mit untypisch schwer herunterhängenden Blättern aus einer Textur authentisch bemalter Leinwandreste. Auf ihren Lauschposten horchen sie in ein Universum von Klängen und Geräuschen. Sie stammen aus einer Welt, in der der Flora und Fauna, Natur und Mensch in einem Garten eine Heimat gefunden haben, die keine Trennung zwischen Kunst und Leben, Schönheit und Daseinssinn mehr kennt. Und in dieser Welt, in der die Kinder und Künstler sich besinnungslos der Banane anvertrauen können, haben die vegetativen Geschöpfe auch sprechen gelernt. Sie erzählen uns wahre und erfundene Geschichten. Über den glücklichen und den verzweifelten Gebrauch der tropischen Frucht, in Zeiten des Mangels und des Überflusses, mit Stimmen verschiedenen Alters, die immer wieder von davon künden, dass es besser ist, sein Leben zu genießen und eine einzige reife Frucht zu rechten Zeit zu kosten, als in den verstaubten Schatzkammern von Kunst und Macht sein Dasein zu fristen oder die Banane im Kühlschrank zu verderben.
Dieser glückliche Schwebezustand zwischen Innen und Außen, Himmel und Erde, vegetativer und animalischer Seele, ist er nur eine wunderbare Täuschung oder ein poetisches Programm? Wer die Balkons auf der Empore gleichsam durchquert und in den letzten Raum tritt, erfährt eine komplette Entwurzelung der bisherigen Ansichten. Die Kunst fällt aus dem Rahmen. Und die Utopie führt aus der Bananenschale in einen Abgrund von Mus und flimmernd wuchernden Dolden. Was ist passiert? War der Traum musa ensetes, die Idee einer Renaissance der Banane jenseits von Kunst und Biologie zuviel für rhein&artig?
»Premium Organic Bananas Cavendisch, exported by Inkabanas, Peru.« So steht es auf den Kisten des verwendeten flächtigen Urstoffs zu lesen. An einem Lüster, dem symbolischen, aber auch artifiziellen Ursprung von Licht, Helligkeit und Schein hängen die vergehenden, schließlich schwarz zusammengeschrumpelten Schalen, wie im Stillleben einer Dschungel-Oper-Requisite Fitzcarraldos. Die Metapher des absolutistischen Universums einer theatralischen Kunst wird vom Stirb und Werde der Natur überrannt. Und die Bananen weinen ihr fruchtbares Innenleben als Bodenbild in verschieden getönten Zonen literweise auf den angesüßten Boden, während an der Wand ein endloses schwarzgelbes Muster von gerasterten Bananen-Abstraktionen den Zuschauer umzingelt und bedrängt und jede weitere Aussicht verweigert. Was ist passiert? Hat die Kunst, die im Foyer noch die dokumentarische Kontrolle über das Thema zu haben schien, die im Medium der Fotografie den Tod von musa ensete, aber auch ihre Replikation, ihre Wiederauferstehung und Vervielfältigung feierte, nach dem poetischen Zwischenstand im Innenhof, - auf der Empore die Form und den Verstand verloren? rhein&artig haben das Territorium von musa ensete schrittweise umgegraben: den Kontext ihrer Rolle als ungewollte Kunst-Banane im Forum, ihr rätselhaftes Dahinvegetieren und Verschwinden, das schließliche Dahinscheiden und Enden auf dem Bonner Kompost, ihre Wiederverkörperung in ihren Kindern, zwischen Zucht, Frucht und Zier, die Aufspaltung ihrer eigenen Geschichte in ein Wurzelwerk uralter und neuester Mythologien über den individuellen Lebenslauf und den industriellen Gebrauch. Auf der Empore bündeln sich diese Elemente und schlagen um in eine neue Qualität: die radikale Bananenkunst, die mit der Hinfälligkeit des lebendigen Materials arbeitet und damit die Formate der distanzierten Dokumentation und der freien sprachlichen Fiktion und Inszenierung sprengt. Die Banane wird nun zu einem einzigen riesigen imaginären industriellen Körper, zu einem Moby Dick unter den Südfrüchten, wie ihn Nico und Andy kaum zu ahnen wagten. Musa ensete ist erlegt und abgehangen. Ihr Tran läuft aus, in einem Bild-Opfergang, der durch den Exportschlager der kleinen seriellen Einzelfragmente endlos umrahmt wird. Kapitalistische Ökonomie und archaische Hinrichtung konvergieren in der Theatralik des globalen Konsums und im fehlendem Bewusstsein von Zeit und Vergänglichkeit. Es hat den Anschein, als ob die integrative Projektstrategie von rhein&artig eine neue Kunstblüte getrieben hätte: in Form eines komplex wuchernden Wurzelwerkes, das quer zu den Gattungen und Formaten von Fotografie, Gemälde, Graphik, Installation und Poesie verläuft und zur Sache selbst zurückkehrt, zu der Frage, wie unserer Leben zwischen Alltag und Kunst einen sinnvollen ökologischen und ästhetischen Rahmen finden kann, der die Altlasten des Industriezeitalters mitreflektiert, statt sie in trügerischer Anmut und Schönheit auszublenden.
Dr. Peter V. Brinkemper